Terrassen und Terrassenlandschaften

Eine Pilotstudie der Forschungsgruppe Kulturlandschaft an der FH Erfurt

Die Studie wurde vom 01.01.2022 bis 15.03.2023 im Rahmen der Richtlinie zur
Förderung von Kultur und Kunst aus Mitteln der Thüringer Staatskanzlei  finanziert.

Vorwort

Die hier vorgestellten Ergebnisse der Pilotstudie „Digitaler Kulturlandschaftsatlas Thüringen“ – „Terrassenlandschaften“ zeigen die vielseitigen Möglichkeiten einer digitalen Präsentation, um Themen zur Kulturlandschaft anschaulicher, erlebbarer und damit zeitgemäßer zu vermitteln.

Herzlich gedankt sei den wissenschaftlichen Tutorinnen Carla Bömeke, Martha Kindig, Mara Amalia Schlenz und Sarah Schönheit für die umfangreichen Digitalisierungsarbeiten und für die Erstellung zahlreicher Diagramme und GIS-Karten. Besonderer Dank gebührt Frau B. Eng. Theresa Schäfer und Dipl.-Geoinf. Andreas Geier für die Entwicklung und Gestaltung unserer neuen Webseite einschließlich der interaktiven Animationen sowie der großformatigen Drohnenfotos und Videosequenzen. Die professionelle Gestaltung der Übersichtskarten lag ebenfalls in den Händen von B. Eng. Theresa Schäfer. Ein wesentlicher Bestandteil des Terrassenprojektes sind die Detailstudien und Interviews über die Terrassenlandschaften in Gießübel (Lk Hildburghausen) und Jena. Der Ortschronist und Fotograf Gunter Heß in Gießübel und der Landschaftsarchitekt und Hobbywinzer Wolfram Stock in Jena halfen uns mit ihren fundierten regionalen Kenntnissen und Interviewbeiträgen, die sozial- und kulturgeschichtlichen Hintergründe dieser Terrassenlandschaften besser zu verstehen und allgemeinverständlich aufzuarbeiten. Wertvollste Beiträge lieferte Gunter Heß mit seinen einzigartigen historischen Fotoaufnahmen, die den Alltag in Gießübel über eine Zeitspanne von mehr als 100 Jahren dokumentieren.

Ohne die finanzielle Förderung durch die Thüringer Staatskanzlei (im Rahmen der Richtlinie zur Förderung von Kultur und Kunst) wäre die Durchführung der Studie durch unser Team an der FH Erfurt in dieser Form nicht möglich gewesen. Dafür sei ebenfalls ausdrücklich gedankt.

Prof. Dr. Ilke Marschall

Prof. Dr. Hans-Heinrich Meyer

Prof. Dr. Björn Machalett

„An den Berghängen liegen die Felder horizontal in langen Sätteln, terrassenförmig, durch Raine voneinander getrennt. Vereinzelt, wie in Kleinschmalkalden (gothaischer Anteil) und im Haselgrunde bei Steinbach-Hallenberg, verlaufen langgestreckte Pläne steil den Berg hinauf. Sie können nicht mehr gepflügt, sondern müssen von den Frauen mit der Hacke bearbeitet werden, auch wenn Anspannvieh zum Pflügen vorhanden ist." *

Terrassenfluren sind künstlich terrassierte Felder, von denen es noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Thüringen viele gab, und die damals noch – ihrem ursprünglichen Zweck entsprechend – in harter manueller Arbeit ackerbaulich genutzt wurden. Wie kaum ein anderes Element der historischen Kulturlandschaft bezeugen Ackerterrassen das entbehrungsreiche Leben mit und von der Natur in den Jahrhunderten vor Einführung der mechanisierten Landwirtschaft.

Terrassenfluren definieren sich als leistenartige, oft nur wenige Meter breite Verebnungen in Hanglage („Terrassen“), die in der Regel mehr oder weniger parallel zu den Höhenlinien verlaufen. Hang abwärts werden sie von Stufen begrenzt, die man regionsabhängig als „Ranken” oder „Rangen”, im Fachterminus als „Stufenraine” („Hangstufenraine“, „Terrassenraine“) bezeichnet. * In der Regel treten Terrassen zu mehreren sowohl über-, als auch nebeneinander auf, so dass ganze Hänge wie getreppt wirken.

Durch die Anlage von Terrassen ließen sich in bergigem Relief, wo oft nur wenig ackerfähiges Land zur Verfügung stand, auch steilere Hänge in Kultur zu nehmen, die man im unverbauten Zustand nur als Wald oder Weideland hätte nutzen können. Terrassen vermindern die Bodenerosion und verbessern durch Bodenauftrag die Durchwurzelbarkeit und Fruchtbarkeit der Ackerkrume. Ackerterrassen erweisen sich somit als ein historisches Beispiel besonders nachhaltiger und den Naturbedingungen angepasster Landwirtschaft.

Foto 1:

Kranz historischer Ackerterrassen in der Flur von Heubach (Lk. Hildburghausen)

Drohnenfoto: A. Geier (7/2022)

1) Terrassen aus Feinmaterial

1) Terrassen aus Feinmaterial

2) Terrassen mit Lesesteinkern

2) Terrassen mit Lesesteinkern

3) Terrassen mit Trockenmauerwerk

3) Terrassen mit Trockenmauerwerk

Abb. 1:

Die drei Grundformen historischer Terrassen

eigene Schemaskizze *

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Man kann sich einer Antwort aber durch eine formale Typisierung nähern. Prinzipiell sind nämlich drei Grundformen von historischen Terrassen zu unterscheiden: 1) Terrassen aus Feinmaterial, 2) Terrassen mit Lesesteinkern und 3) Terrassen mit Trockenmauerwerk (siehe Abb. 1).

Terrassen dieses Typs sind im Profil meist recht flach geneigt und bestehen überwiegend aus dem Feinmaterial der humusführenden Bodenkrume und aus feinerdereichem Untergrund. Dazu gehören zum Beispiel Löss oder Verwitterungsdecken mit dominantem Feinerdeanteil. Auch auf dem tonreichen Rötsockel der Buntsandsteinbergländer sind Terrassen aus Feinmaterial verbreitet zu finden. Sie weisen niedrige Stufenraine auf und können recht große räumliche Tiefe haben (s. Abb. 1 und Foto 1, Beispiel Heubach).

Die weit überwiegende Zahl der Terrassen aus Feinmaterial dürfte auf eine geplante und aktive Anlage zurückgehen. Dafür sprechen ihre zumeist sehr regelmäßigen und geradlinigen Proportionen und ihr oft großflächiges  Auftreten, das ganze Dorfgemarkungen umfassen kann.

Sicher trug aber auch die generationenlange hangparallele Bewirtschaftung durch das Zusammenwirken von Pflugarbeit und Bodenerosion sozusagen „ganz von allein“ zur Entstehung gestufter Hangprofile bei. Bodenkundlich wäre dann die hangabwärts mächtiger werdende Bodenkrume als „Kolluvium”, also als verlagertes, verspültes humusreiches Bodensediment anzusprechen.

Das folgende Zitat aus einem Aufsatz von Friedrich Heusinger (1826) spricht dafür, dass es wohl nicht gängige Praxis, dass es zumindest aber in der Theorie durchaus bekannt war, wie Hänge mit einer bestimmten Pflugtechnik hätten profiliert werden können. Terrassenstufen wären bei diesem „Modell“ dann gewissermaßen ein technischer Teileffekt der Beackerung.

„Dann ist weiter nichts zu thun, als daß der Pflüger von der tiefsten Furche zu ackern anfängt, und zwar immer nur so einsetzt, daß ihm der Berg oder die höhere Stelle seines Ackers zur linken Hand bleibt, denn bey der Bauart unseres gemeinen Pfluges, wo immer die aufgeackerte Erde auf die rechte Seite des hinter dem Pfluge stehenden Pflügers umgelegt wird, werden alle Furchen von der Höhe zur Tiefe umgewendet, wodurch denn geschiehet, daß das Erdreich schon nach dem ersten Ackern an der untersten Gränze, wo sich der Terrassendamm bilden soll, erhöhet, die obere Gränze jedoch um eine Furche breit entblößet wird. Wenn der Ackerboden eine Zeit lang gelegen hat, so wird er geegget, und bald darauf, wenn etwa ein Regen gefallen war, und das Erdreich wieder oben abgetrocknet ist, wird mit einem breiten langstieligen eisernen Rechen quer über gegen die untere Gränze zu alles abgerechet, was an Steinen und harten Erdklösen auf dem Acker liegt, um dieses in den Böschungsdamm zu bringen. Nunmehr kann der Acker mit einer Sommerfrucht bepflanzet und besäet werden. ... In Ansehung der Dungstoffe oder Verbesserungsmittel, welche dem Acker etwa beygebracht werden sollen, ist zu bemerken, dass dieselben größtenteils auf diejenige Hälfte des Ackerbeetes, welche bisher höher lag, gebracht werden muß, denn durch das mehrmals wiederholte Anackern der obern Erde gegen die untere Seite in der Nähe des Böschungsdammes wird die letztere an und für sich schon gut und fruchtbar, aber die obere Seite wird immer mehr seiner guten Erde beraubt und muß Ersatz dafür bekommen“. *

Interessant ist die Bemerkung Heusingers, dass das hangabwärtige Pflügen im Laufe der Zeit zu einer Verlagerung der humusreichen Ackerkrume hangabwärts führen würde, was sich mittelfristig in Ertragsminderungen bemerkbar machen musste. In der landwirtschaftlichen Praxis wurde dem tatsächlich durch eine Aufdüngung mit Mist, Streu, Gips und anderen organischen und mineralischen Stoffen entgegengewirkt.

Foto 2 & 3:

Terrassen mit Feinmaterialkern in Erlau, Stadt Schleusingen (links) und Gießübel, Lk. Hildburghausen (rechts)

Fotos: A. Geier und T. Schäfer (7/2022)

Bei steinigem Untergrund konnte die Aufhöhung von Stufenrainen durch das Auspflügen und sukzessive Ablegen von Lesesteinen auf der talwärtigen Seite bzw. der Parzellengrenze unterstützt werden. Auf diese Weise entstanden dann sog. „Steinrangen“, Geländestufen aus Lesesteinkernen, an denen sich im Laufe der Jahre das von den Äckern abgepflügte und abgespülte Feinmaterial immer mächtiger ablagerte. Viele historische Terrassen weisen in Thüringen solche Lesesteinrangen auf, auch wenn sie durch Gehölzsukzessionen und spätere Bodenüberlagerungen heute im Gelände nicht immer auf den ersten Blick auch wahrnehmbar sind.

Gegenüber den Terrassen mit dominantem Feinerdeanteil gibt es keine scharfe Abgrenzung, vielmehr sind die Übergänge in der Landschaft fließend, je nachdem wie zahlreich die groben Bestandteile („Lesesteine”) im oberflächennahen Untergrund enthalten sind. Terrassen mit Lesesteinkernen treten überwiegend in grobmaterialreichen Verwitterungsdecken und Fließerden auf, die überall in Thüringen die  Festgesteine in wechselnder Mächtigkeit überziehen. Menge und Form des auszulesenden Materials variieren je nach Untergrund stark. Sie bestimmen dann entscheidend die morphologische Ausprägung und die Nutzung der Hochraine. Steinrangen blieben häufig der Sukzession überlassen und werden heute in der Regel von Gehölzriegeln geprägt.

Foto 4:

Terrassen mit Rangen und Halden aus Lesesteinen am Sommerberg in Gießübel (Lk. Hildburghausen)

Drohnenfoto: A. Geier (7/2022)

Auf steileren Hängen mit lückenhafter Bodendecke mussten die Terrassenstufen ganz gezielt aufgebaut werden. Dies geschah einerseits, um das steile Naturprofil in Einzelflächen geringerer Hangneigung zu überführen, andererseits, um genügend durchwurzelbaren Feinboden auftragen zu können. In der Regel lohnte sich dieser Aufwand nur auf Intensivkulturen wie den Weinbergen. Dazu mussten zunächst Bruchsteine in passend gehauenen Größen herbeigeschafft und dann anschließend zu Trockenmauern aufgeschichtet werden. Die kleinen lokalen Steinbrüche, aus denen das Baumaterial stammt, sind häufig noch in unmittelbarer Nähe der historischen Weinberge erhalten.

Das Aufschichten der Trockenmauern war ein durchaus anspruchsvolles und mühevolles Handwerk. Da die Steine nicht mit Mörtelfugen gehalten werden, mussten sie mit möglichst großen Kontaktflächen dicht und verzahnt übereinander gelagert und gleichzeitig leicht hangeinwärts gekippt werden, um den Hangdruck aufzufangen. Außerdem mussten die Mauern dem festen Felsuntergrund aufsitzen. Eine Hintermauerung sorgte für zusätzliche Stabilität. So haben solche Mauern seit Jahrhunderten Bestand und wirken heute immer noch optisch ansprechend. *

Sobald die Mauern errichtet waren, wurden je nach Bedarf zusätzlicher Feinboden und Mist herangeschleppt und unter Einsatz von Hacke und Karst (Dreizack) gleichmäßig verteilt. Dieser Auftrag wurde dann zusammen mit dem Untergrund bis zu 1 m tief umgegraben und gemischt („rigolt“), wodurch ein tiefgründig humoser und gut durchwurzelbarer Mischhorizont entstand. *

Der große Arbeits- und Materialaufwand, der für die Herrichtung des Trockenmauerwerks nötig war, wurde wohl nur dann in Kauf genommen, wenn man sich einen wirtschaftlichen Vorteil davon versprach. Für andere landwirtschaftliche Nutzungen lohnte sich dieser Aufwand nicht. Das wirtschaftliche Argument wog dort umso mehr, als die natürlichen Einschränkungen durch die Terrassierung der Talhänge keineswegs völlig aufgehoben, sondern allenfalls abgemildert wurden. In der Regel reichen die Ertragsmesszahlen (Ackerzahlen) auf Terrassen mit nur 20-30 Punkten (optimal wären 100) bei weitem nicht an das Niveau guter Ackerböden in der Ebene heran. Unter den heutigen Wirtschaftsbedingungen ist der Ackerbau auf diesen Flächen daher nicht mehr rentabel.

Foto 5 & 6:

Weinbergterrassen mit Trockenmauerwerk am Jenzig (links) und Trockenmauerwerk an einem alten Weinberghäuschen an den Sonnenbergen, beide in Jena

Fotos: I. Marschall und H.-H. Meyer (7/2015)

Über das Vorkommen der drei oben vorgestellten Grundformen hinaus entstanden in Thüringen Terrassen in sehr unterschiedlichen Proportionen und Dimensionen. Zum Beispiel variieren die Längen-/Breitenverhältnisse von schmalen leistenartigen, höhenlinienparallelen Bändern bis hin zu kurzen, kompakten Einheiten mit sprungschanzenartigen Stufen. Dabei kann die Länge von Terrassenleisten von wenigen Metern bis zu mehreren hundert Metern reichen. Derartige enorme Längen finden sich vor allem in den Gebieten der Langstreifen- und Gelänge-Fluren des Thüringer Waldes und des Schiefergebirges. Die räumlichen Tiefen variieren dabei von nur 2 m (!) bis zu mehreren Dekametern.

Foto 7:

Terrassierte Langstreifenflur mit Reihen von Flurgehölzen auf den Rangen. Beerberg in Wildenspring (Ilm-Kreis). Untergrundgestein: Quarzitischer Sandstein

Drohnenfoto: A. Geier (7/2022)

Auch die Stufenhöhen variieren stark. An steilen Hängen sind die Stufen generell höher, um die Neigungswinkel der Terrassenflächen zu minimieren, in flacherem Gelände dementsprechend niedriger. Auch die Zeitdauer der Ackernutzung könnte Einfluss auf die Stufenhöhe genommen haben, indem mehr Feinboden und Lesesteine hangabwärts angehäuft wurden, je länger eine Terrasse beackert wurde. In der Konsequenz schwanken die Stufenhöhen bei der Mehrzahl der Thüringer Terrassen heute zwischen 1 und 3 m, mitunter auch deutlich mehr (maximal: 8-10 m in Gießübel im Schiefergebirge bei einer Terrassentiefe von 20-25 m; s. a. Foto 8 und 9).

Foto 8 & 9:

Terrassen mit großer Sprunghöhe auf dem Sommerberg in Gießübel (links) und Terrassen mit kleiner Sprunghöhe auf dem Löffelberg in Gießübel, Lk. Hildburghausen (rechts)

Fotos: T. Schäfer und A. Geier (7/2022)

Terrassenfluren kommen in Thüringen in vielen Naturräumen vor, aber in sehr unterschiedlicher Ausprägung und Dichte. Vor allem konzentrieren sie sich im Thüringer Wald und im westlichen Teil des Thüringer Schiefergebirges (Schwarza-Sormitz-Gebiet), in Südthüringen im Buntsandsteinland und vereinzelt in der Vorderrhön sowie beiderseits des Mittleren Saaletales zwischen Rudolstadt und Jena. In Nordthüringen sind das Werrabergland und das Eichsfeld Schwerpunktgebiete. Im Folgenden werden wir den Ursachen dieser auffälligen räumlichen Disparität nachgehen.

Abb. 2:

Bestand historischer Terrassen zu Beginn des 20. Jh. in Thüringen

Quellen: Hist. Messtischblätter 1 : 25 000 und DGM2 ©GDI-Th

Geologisch betrachtet sind Terrassen auf unterschiedlichstem Untergrund anzutreffen. Statistisch häufen sie sich aber signifikant in bestimmten Formationen (Abb. 3). Fast die Hälfte aller Terrassengebiete ist auf Gesteinen des Buntsandsteins angelegt, ein weiteres gutes Fünftel auf paläozoischen und älteren Gesteinen. Begründen lässt sich diese auffällige Dominanz primär damit, dass die Terrassen im Thüringer Wald, im Schiefergebirge und in ihren Vorländern ihre Schwerpunkte haben, Regionen also, wo diese Gesteine besonders weit verbreitet sind. Aus Reliefgründen war hier der Druck, Terrassenäcker anzulegen, innerhalb Thüringens am höchsten.

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Abb. 3:

Aufteilung der Thüringer Terrassen-Fläche auf die unterschiedlichen geologischen Formationen [in %]

Bei näherer Betrachtung zeigt sich dann aber auch, dass die unterschiedliche Härte der Gesteine, also hier vor allem die bautechnisch-gestalterische Widerstandsfähigkeit, offenkundig nur einen nachrangigen Einfluss auf die Verbreitung von Terrassen ausgeübt hat. Das wird deutlich, wenn man die weichen Ton- und Mergelsteine des Unteren Buntsandsteins und des Röt (Oberer Buntsandstein) mit den von Sandstein dominierten, härteren Schichten des Mittleren Buntsandsteins vergleicht (Abb. 4). Die morphologisch weicheren Ton- und Mergelgesteine sind nur wenig häufiger terrassiert als die härteren Sandsteinhänge des Mittleren Buntsandsteins. Und selbst die flachgründigen, spröden, trockenen und steinreichen Kalkstein-Hänge des Muschelkalks sind von Terrassenleisten überzogen, wenngleich deutlich seltener als die Buntsandsteinhänge. Allerdings sind auch hier die morphologisch etwas weicheren Mergelsteine des Mittleren Muschelkalks dominant. An der Schwellenburg bei Erfurt und in der Orlasenke kleben Terrassen buchstäblich an den schroffen und zerklüfteten Gipsfelsen des Keupers und des Zechsteins.

Im Schiefergebirge überziehen Terrassen weiträumig die lehmigen und flachwelligen Schiefer- und Grauwacken-Verwitterungsböden. Dort war die Terrassierung relativ einfach durchzuführen, dafür waren diese Terrassen dann aber auch sehr leicht zerstörbar, so dass die späteren Verluste hier besonders groß sind.

Im Thüringer Wald kommen markante Terrassenareale verbreitet auf Porphyren, Konglomeraten, Sand- und Tonsteinen des Rotliegenden vor, also auf harten wie weicheren Gesteinen gleichermaßen.

Selbst in reinen Lockergesteinen sind bzw. waren Terrassen örtlich zu finden: auf weichen Lehm- und Kiessedimenten der höheren quartären Flussterrassen des Mittleren Saaletales ebenso wie auf den eiszeitlichen Löss- und Geschiebelehmplatten des Thüringer Beckens und des Altenburger Landes.

Seltener anzutreffen sind Terrassenäcker im Keuper-Hügelland und den Flussniederungen des Thüringer Beckens, wo der Druck, das Ackerland in die wenigen dort vorhandenen Steilhänge auszudehnen, nicht gegeben war. Steile Hanglagen wurden hier seit dem Hochmittelalter allenfalls als Weinberge genutzt, wie das an der schon erwähnten Schwellenburg oder am Roten Berg im Norden von Erfurt beispielhaft zu sehen ist. Auch in markanten Taleinschnitten (z. B. Unstruttal, Wipperdurchbruch) entstanden insbesondere auf sonnenexponierten Hängen vereinzelt Terrassen, wohl überwiegend auf alten Weinbergen.

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Abb. 4:

Anteil der terrassierten Fläche an den jeweiligen stratigraphischen Einheiten [in %]

Vergleichsweise einfach erklären lässt sich die geringe Verbreitung von Terrassen auf den Muschelkalkplatten. Hier wechseln ackerfähige Hochflächen ohne Terrassierungsbedarf mit steilgeböschten Randstufen ab, die wegen ihrer flachgründigen, felsigen Böden Jahrhunderte hindurch als Hutungsflächen den kletterfreudigen Ziegen und den Schafen überlassen blieben. In Ortsnähe finden sich aber auch viele ehemalige Weinberge, neben vereinzelten Arealen von Ackerterrassen (z. B. im Reinstädter Grund und im Hexengrund, zwei Seitentälern der Mittleren Saale).

Zusammenfassend ist die Verbreitung der Thüringer Terrassen keineswegs allein durch den geologischen Untergrund dominiert, wie man vielleicht zunächst annehmen könnte. Vielmehr beeinflusste das vorherrschende Landschaftsrelief die Verbreitung von Ackerterrassen deutlich stärker als der geologische Untergrund. Vor allem in den mehr reliefierten, stark zertalten Naturräumen war der Terrassenbau örtlich landschaftstypisch. Er war überall dort überlebensnotwendig, wo in schmalen Talgründen nur sehr begrenzte Ackerlandressourcen zur Verfügung standen: Namentlich galt das für die randlichen Kerbtäler des Thüringer Waldes, für die tief eingeschnittenen Flusssysteme von Schwarza und Sormitz (Thüringer Schiefergebirge), für die Talflanken der Mittleren Saale und ihrer Zuflüsse und für die Werra und ihre Nebentäler in Westthüringen und im Obereichsfeld.

Foto 10:

Historische Weinbauterrassen auf der Schwellenburg, einem Gipskeuperhügel nordwestlich von Erfurt

Drohnenfoto: A. Geier (7/2022)

Antworten auf diese beiden wichtigen Fragen sollen klären helfen, ob und inwieweit arbeitstechnische und geländeklimatische Aspekte, die sich speziell aus der Hangneigung und der Höhenlage ergeben, bei der Anlage von Terrassen berücksichtigt wurden. Indirekt lassen sich daraus dann auch Rückschlüsse auf mögliche historische Nutzungen ziehen.

Die Frage nach den in Thüringen vorherrschenden Neigungsverhältnissen terrassierter Hänge soll zunächst aufgegriffen werden. Es geht hier nicht um die Neigungsverhältnisse der einzelnen Stufen- und Flächenelemente, sondern um die Neigung der Hangareale als Ganzes, auf denen später das Terrassenrelief angelegt wurde. In diesem Kontext wäre dann auch die Frage zu beantworten, bis zu welchen Neigungsgrenzwerten Hänge in der vorindustriellen Landwirtschaft ohne Terrassierung überhaupt hätten bearbeitet werden können, ab welchem Grenzbereich also ein Terrassenbau ökonomisch sinnvoll und wann er zwingend erforderlich war.

Die statistische Auswertung eines digitalen Geländemodells mittlerer Auflösung (DGM25) kann dazu Antworten geben.

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Abb. 5:

Hangneigungspräferenzen der historischen Terrassen [in %]

Wie das Diagramm zeigt (Abb. 5), sind in Thüringen fast drei Viertel aller historischen Terrassen auf Standorten mit weniger als 25 % Hanggefälle angelegt worden, also auf Hängen geringer bis mäßiger Neigung; nur ein kleinerer Teil liegt auf steilen Hängen mit 25 % bis rd. 50 % Gefälle. Vergleicht man diese Grenzwerte mit den empirischen Grenzwerten der heute gängigen landwirtschaftlichen Praxis, so zeigt sich ein interessantes Ergebnis: Nach dem aktuellen Wissensstand kann Getreide bei hangparalleler Bewirtschaftung maschinell bis zu Neigungen von 20 % angebaut und abgeerntet werden, Kartoffeln bis zu 10 %, bei Bearbeitung in der Fallinie liegen die maximalen Hangneigungen jeweils leicht höher (Tab. 1). Nicht mehr beherrschbar sind dagegen bei Getreide alle Hangneigungen über 30 % bzw. bei Kartoffeln ab 20 %. Neigungen über diesen Grenzwerten würden die maschinelle Bearbeitbarkeit übersteigen und gleichzeitig das Risiko der Erosionsgefährdung signifikant erhöhen.

Fruchtart
maschinentechnisch beherrschbar
maschinentechnisch erschwert beherrschbar
maschinentechnisch nicht mehr beherrschbar
Schichtlinie
Falllinie
Schichtlinie
Falllinie
Schichtlinie
Falllinie
Getreide
0-20 %
0-25 %
21-28 %
26-30 %
über 28 %
über 30 %
Kartoffeln
0-10 %
0-12 %
11-20 %
13-18 %
über 20 %
über 18 %

Tab. 1:

Hangneigungsgrenzen [in %] für den Anbau von Getreide und Kartoffeln

Nun liegt ein beachtlicher Anteil (40 %) der historischen Terrassen noch unter den Neigungsgrenzwerten von 20 % bei Getreidenutzung, so dass sich die Frage stellt, warum sind sie dennoch terrassiert worden?

Dafür sprachen zunächst praktische Gründe. Zum einen erschwerten der progressiv ansteigende Zugkraftbedarf und die Wendefähigkeit der Gespanne das Wirtschaften schon auf gemäßigt steilen Hängen. Da sich nur reichere Bauern starke Ochsen oder Pferde leisten konnten, blieben vielen Haushalten nur Milchkühe als Zugtiere. Ziegen oder gar Hunde waren allenfalls als Vorspann für Handwagen zu gebrauchen.

Eine Antwort für die Terrassierung flacherer Hänge könnte aber auch darin liegen, dass neben dem Getreidebau vor allem der Anbau von Hackfrüchten in den Thüringer Terrassendörfern eine große Rolle spielte. Zunächst dominierte der Rübenbau, seit dem 19. Jh. stieg dann die Kartoffel zur wichtigsten Nahrungs- und Futterpflanze auf. Hackfrüchte aber erhöhen die Gefahr von Bodenerosion deutlich.  Sie garantieren erst sehr spät nach der Aussaat eine ausreichende Bodenbedeckung, die als wirksamer Schutz gegen Bodenerosion gelten kann. Deshalb war auch unterhalb der Hangneigungsgrenze von 20 % eine Terrassierung geboten.

Dass bei zunehmender Hangneigung die Böden nicht nur schwerer bearbeitbar sind und stärker der Bodenerosion unterliegen, sondern auch flachgründiger und steiniger werden und in der Konsequenz auch weniger Nährstoffe und Wasser aufnehmen können, auch das war den Bauern sicher bekannt. Sie wussten sicher auch, dass diese Böden bei regenarmer Witterung schneller austrocknen. Ihnen dürfte auch nicht entgangen sein, dass das latente Abschwemmen der Humusdecke mit der Zeit zu einer schleichenden Verringerung der Bodenfruchtbarkeit führen musste.

Die Bauern der vorindustriellen Zeit waren Zeugen und Beobachter dieser Sachverhalte und ihrer Folgen. Belege für schwere Bodenerosion aus früheren Jahrhunderten gibt es in Thüringen heute noch vielerorts. Wohl am markantesten sind die tief eingeschnittenen Hohlwege und Erosionsgräben, die sich nicht selten auch in unmittelbarer Nähe alter Terrassenäcker finden, weil sie als Aufstiege und Triftwege von Mensch und Vieh tagtäglich benutzt wurden. Nach dem aktuellen Wissensstand sollen sie besonders im Hoch- und Spätmittelalter durch katastrophale Stark- und Dauerregen vertieft und durch die zunehmende Entwaldung und Inkulturnahme begünstigt worden sein. Vor dem Hintergrund dieser naturbedingten Gefährdungen eröffnete die Terrassierung die einzige Möglichkeit, den Ackerbau auch auf erosionsgefährdeten Standorten nachhaltig zu etablieren.

Allgemeine Bodenabtragsgleichung (ABAG):    A(btrag) [t/ha] = R (egenfaktor) • K (Bodenbedingungen) • L (Länge) • S (Neigung) • C (Kulturart) • P (Pflugrichtung) *

Die nachhaltige Wirkung der Terrassierung auf die Verminderung der Bodenerosion lässt sich auch durch die sog. Allgemeine Bodenabtragsgleichung rechnerisch ermitteln. Aus empirischen Studien ist bekannt, dass neben einer Reihe anderer Faktoren auch die Hangneigung („Slope-Faktor“) und die Hanglänge („L-Faktor“) auf die Menge des Bodenabtrags Einfluss nehmen. Verdoppeln sich beispielsweise der Slope- oder der Hanglängenfaktor  (beide in Tabellen ablesbar), so verdoppelt sich auch die Menge des abgetragenen Bodens. Dabei ist zu beachten, dass der Slopefaktor nicht linear, sondern exponentiell mit der Hangneigung zunimmt. Als Gegenmaßnahme lässt sich mit der Terrassierung die Hangneigung (Slope-Faktor) gezielt verringern und die Hanglänge durch die Zwischenschaltung von Hochrainen sehr effektiv verkürzen (Abb. 6).

Die heutige landwirtschaftliche Praxis hat durch den Einsatz moderner Landtechnik die natürlichen Bearbeitungsgrenzen im Übrigen nicht nennenswert verschieben können, sondern eher die ökonomischen Konsequenzen und die Empfindlichkeiten der Natur einmal mehr aufgezeigt (Kippgefahr, begrenzte Pflugtiefe, zunehmende Treibstoffkosten, Bodenerosion, Nährstoffauswaschung etc.).

1) Ungeteilter Hang

1) Ungeteilter Hang

2) Hangunterbrechung

2) Hangunterbrechung

3) Terrassierung

3) Terrassierung

Abb. 6:

Einfluss von Hangneigung und Hanglänge

MÜLLER, J. (1996)

Abschließend wäre die Frage nach der maximalen Höhengrenze der historischen Terrassierungen zu klären. Eine solche Grenze oder ein Grenzbereich lässt sich in Thüringen nicht sicher festlegen. Klimatisch wäre der Kartoffelbau wohl in allen Höhensiedlungen der Thüringer Gebirge möglich gewesen, auch wenn man in den Bergdörfern mit erhöhten Risiken wie frost- oder nässebedingten Missernten rechnen musste. Dennoch hat in einigen der höchstgelegenen Siedlungen der Rennsteigregion (z. B. Oberhof, Masserberg) der Terrassenbau kaum Anwendung gefunden, da die Orte auf plateauähnlichen Sätteln nahe der Kammlinie des Thüringer Waldes (Rennsteig) liegen. Dort blieben die Möglichkeiten und Notwendigkeiten für eine Terrassierung begrenzt.

Demgegenüber war in den tiefen und engen Kerbtälern der Thüringer Mittelgebirge eine Terrassierung unausweichlich. Dies erklärt, weshalb weit über die Hälfte der Thüringer Terrassenfläche den Höhenstufen zwischen 300-400 m sowie 400-500 m angehört (57 %). Terrassen der obersten Höhenlagen (600 bis über 700 m), also der Rennsteigregion, nehmen gerade einmal 5 % der gesamten terrassierten Fläche ein. Die höchsten Terrassen Thüringens wurden in Oberhof (knapp über 800 m, heute nicht mehr existent), in Schmiedefeld/Saalfeld am Rauhhügel (792 m), in Steinheid (783 m) und in Schmiedefeld a. R. (774 m) ermittelt.  

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Abb. 7:

Verteilung historischer Terrassen in Abhängigkeit von der Höhenstufe [in %]

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Abb. 8:

Der Einfluss der Himmelsrichtung auf die Verbreitung der Terrassen [in %]

Inwieweit neben der Hangneigung (Inklination) auch die Himmelsrichtung (Exposition), d. h. die Orientierung zu den Klimaelementen Sonne und Wind, das Verbreitungsmuster von Terrassenfluren beeinflusst hat, zeigt das Netzdiagramm (Abb. 8). Demnach sind alle Himmelssektoren thüringenweit betrachtet ziemlich gleichförmig vertreten. Ganz offensichtlich mussten also vielerorts auch ungünstige Schattenlagen terrassiert werden (Nord, Nordost), was angesichts des eklatanten Mangels an ackerfähigem Land besonders in den Tälerdörfern des Thüringer Waldes nicht überrascht. Erleichtert hat diesen Schritt zweifelsohne auch die Anbautradition der Walddörfer, wo die Mehrzahl der Terrassenfluren mit den thermisch weniger anspruchsvollen Kulturen des Gebirges wie Kartoffeln, Roggen, Hafer und Rüben bebaut wurde. Für den Weinanbau (z. B. im Saaletal) gilt natürlich die Präferenz der sonnenreichen Süd- und Südwestlagen, selbst wenn es auch dort Ausnahmen gibt, wie alte Weinbergsnamen unterstreichen („Himmelreich“ vs. „Essigflasche“).

Abb. 9:

Historische Ackerterrassen und ihre Besitzverhältnisse am Sommerberg in Gießübel, Lk. Hildburghausen (DGM2 überlagert mit Flurstücksgrenzen und Parzellengrößen in m² nach ALKIS)

©GDI-Th (https://thueringenviewer.thueringen.de/thviewer)

In welcher Weise das Verbreitungsmuster und die Formgebung der Terrassenfelder in Thüringen auch von der örtlichen Flurverfassung, d. h. von den jeweiligen Besitzverhältnissen abhängen, erhellt ein Vergleich des hochauflösenden digitalen Geländemodells (DGM2) mit einer aktuellen Flurkarte (ALKIS) (Abb. 9). Die betreffenden Karten wurden im GIS einfach übereinandergelegt.

Dabei zeigt sich zwischen den morphologischen Strukturlinien der Terrassen und den Parzellengrenzen eine bemerkenswerte Übereinstimmung: Fast alle Terrassen fallen haargenau mit Flurstücken zusammen. Anders gesagt: Eine Terrasseneinheit stellt meist eine eigenständige „Eigentumsparzelle“ dar, kann also einer bestimmten Hofstelle mit meist 1-3, seltener mehr solcher Parzellen zugeordnet werden.

Es gibt aber auch Ausnahmen dieser Regel. Zum Beispiel können terrassierte (historische) Weinberge in sehr steilen Hanglagen durch mehr als eine Kleinterrasse gegliedert sein, auf einem einzigen Grundstück und jeweils aufwändig gestützt durch Trockenmauerwerk. Allein die hohe Nutzungsintensität in Kombination mit einer hochwertigen Anbaukultur (Wein) machte den dicht gedrängten Terrassenbau für den Besitzer rentabel. Weitaus häufiger können Grundstücke mit mehreren Terrasseneinheiten aber als Folge von späteren Zusammenlegungen und Arrondierungen von Kleinbesitz entstanden sein (Flurbereinigungen).

Video 1:

Terrassierte Langstreifenflur auf dem Beerberg in Wildenspring (Ilm-Kreis)

Drohnenvideo: A. Geier (7/2022)

Abb. 10:

Terrassierte Gelängeflur in Wildenspring, Ilm-Kreis (DGM2 überlagert mit Flurstücksgrenzen nach ALKIS)

©GDI-Th (https://thueringenviewer.thueringen.de/thviewer)

Neben den örtlichen Besitzverhältnissen nahmen auch die regionalen Siedlungs- und Flurformen auf die Gestaltung der Terrassenlandschaften großen Einfluss. Es geht dabei um die Formgebung der einzelnen Flurstücke und ihre Lage und Anordnung im räumlichen Verbund.

Grundsätzlich können terrassierte Flächen in allen flurhistorischen Grundformen vorkommen, in Streifenfluren ebenso wie in Block- und Gewannfluren. Besonders häufig sind sie aber in Streifenfluren verbreitet, den charakteristischen Flurformen der hochmittelalterlichen Rodungen, hier oft im Kontext mit Reihen- und Straßendörfern.

In den schmalen Langstreifen der für Ostthüringen typischen Gelängefluren können sie Hunderte von Metern lange Stufenraine und nur wenige Meter breite Terrassenleisten ausbilden, die dann oft s-förmig durch die Landschaft mäandrieren (z. B. Wildenspring, Ilm-Kreis; Abb. 10, Video 1). Bei großen Breitstreifen, die als frühere Rodungsstreifen von den Talsiedlungen aus oft Hunderte von Metern hangaufwärts ziehen, bilden sie dagegen querlaufende, treppenartige Einheiten (z. B. Deesbach, Lk. Saalfeld-Rudolstadt; Abb. 11).

Abb. 11:

Treppenförmige Terrassen in mittelalterlicher Rodungsflur mit Breitstreifen in Deesbach, Lk. Saalfeld-Rudolstadt (DGM2 überlagert mit Flurstücksgrenzen nach ALKIS)

©GDI-Th (https://thueringenviewer.thueringen.de/thviewer)

Abb. 12:

Extreme Unterschiede in der Exposition (Beschattung) prägen die Dorflage und die Terrassenlandschaft von Deesbach, Lk. Saalfeld-Rudolstadt (s. a. „Sommer-” und „Winterberg”) 

HMTB, 1903; ©GDI-T

Das Alter der Terrassenfluren lässt sich nur schwer ermitteln, da Terrassen als Zeugnisse der Alltagskultur so gut wie keine Erwähnung in frühen historischen Quellen gefunden haben. Ebenso wie ihre Gestalt und ihre Lagemerkmale stark variieren, könnte auch ihr Alter durchaus sehr unterschiedlich sein.

Für die Beantwortung der spannenden Altersfrage können aber die erwähnten siedlungs- und flurgeschichtlichen Befunde interessante Anhaltspunkte liefern oder zumindest Betrachtungsperspektiven beisteuern.

Wie schon erwähnt, treten viele historische Terrassenfluren im räumlichen Zusammenhang mit Reihen- und Straßendörfern auf. Von der Anlage her handelt es sich um geplante Siedlungsformen, die im Zuge der hochmittelalterlichen Rodeperiode (vor allem 12.-14. Jh.) durch einen herrschaftlich initiierten Gründungsprozess in regelmäßigen Grundrissen angelegt wurden. In dieser Zeit starken Bevölkerungswachstums wurde die Besiedlung immer weiter auf Gebiete mit schlechten Böden („Grenzertragslagen“) ausgedehnt. Besonders die bis dahin kaum besiedelten Waldgebirge des Thüringer Waldes und seiner Vorländer, die einst bewaldeten Hochflächen des Thüringer Schiefergebirges, die abgelegenen Talzüge des Ostthüringer Buntsandsteinhügellandes und des Eichsfeldes wurden in jener Zeit gerodet und nach und nach erschlossen. Für die meisten Terrassenorte in Thüringen unterstützen sowohl die urkundlichen Ersterwähnungen als auch die zeittypischen Ortsnamen ein hochmittelalterliches Gründungsdatum. Einige Orte in Gunstlagen wie dem Werra- und Saaletal und in der Rhön sind freilich definitiv älter einzustufen (Frühmittelalter). Damit könnten auch die Terrassierungen in diesen Orten älter sein. Nur weitere siedlungshistorische Analysen könnten hier eine Klärung herbeiführen.

1) Terrassenlandschaft „Thüringer Schiefergebirge"

1) Terrassenlandschaft „Thüringer Schiefergebirge"

2) Terrassenlandschaft „Thüringer Wald und südliches Buntsandsteinvorland"

2) Terrassenlandschaft „Thüringer Wald und südliches Buntsandsteinvorland"

3) Terrassenlandschaft „Mittlere Saale"

3) Terrassenlandschaft „Mittlere Saale"

4) Terrassenlandschaft „Werratal-Eichsfeld"

4) Terrassenlandschaft „Werratal-Eichsfeld"

5) Terrassenlandschaft „Rhön"

5) Terrassenlandschaft „Rhön"

Abb. 13:

Vermutetes Siedlungsalter der Fallbeispiele (abgeleitet aus Ersterwähnungen und Ortsnamen) nach Terrassenlandschaften

Getragen wurde der großräumige Kolonisationsvorgang des Hochmittelalters von adligen Gründungsinitiatoren, sog. Lokatoren, die ritterliche Gefolgsleute mit den Waldrodungen und Neusiedlungen auf herrschaftlichem Land beauftragten. Neben den weltlichen Herren spielten auch die Klöster eine Rolle als Träger des hochmittelalterlichen Landesausbaus.

Im Gefolge der Aufsiedlung entstanden nahezu zeitgleich die Grundstrukturen der Flurlandschaft. * Das im Gründungsakt parzellierte Flurmuster gab die Anlage der Terrassen vor, unmittelbar beeinflusst von den Reliefverhältnissen: In tief zertalten Landschaftsräumen wie dem Thüringer Wald war die Terrassierung aufgrund des extremen Mangels an ackerfähigem Boden eine Grundvoraussetzung zur langfristigen Sicherung der Existenz. Deshalb könnte die Idee, Äcker in terrassierter Form anzulegen, bereits von den adligen oder kirchlichen Kolonisatoren ausgegangen sein. Ob die große Aufgabe der Terrassierung dann durch obrigkeitliche Entscheidungen im Rahmen des Gründungsprozesses gleichsam „von oben“ durchgesetzt wurde oder ob sie doch nur freiwillig, individuell und sukzessive realisiert wurde, lässt sich aus Mangel an historischen Belegen derzeit nicht beantworten. Wie das Fallbeispiel Gießübel nahelegt, werden bei den besonders anspruchsvollen Terrassierungen die vermessungstechnischen Herausforderungen und der Arbeitsaufwand (Kosten) aber so groß gewesen sein, dass in einem solchen Fall nur ein koordiniertes Gemeinschaftswerk zum Erfolg geführt haben dürfte.

Auch wenn aus den oben geschilderten Gründen eher von einer einmaligen Gemeinschaftsleistung auszugehen ist, lässt sich ein asynchroner, sukzessiver Entstehungsprozess in Einzelfällen nicht grundsätzlich ausschließen. Denkbar, aber im Ausmaß schwer einzuschätzen ist dabei der Einfluss von Besitzzersplitterungen im Zuge von Erbteilungen. Allgemein bekannt ist, dass das Flursystem in Thüringen durch die hier weit verbreitete Sitte der Realerbteilung (Aufteilung des Landbesitzes zu gleichen Teilen an die Erben) im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zersplittert, also kleinteiliger wurde. Mit der Zeit entstand dadurch Grundeigentum, das im Extremfall aus vielen kleinen und verstreuten Parzellen von wenigen Metern Breite bzw. Länge bestand („Handtuchparzellen“). Inwieweit das vielerorts zersplittert wirkende Muster der Terrassen in Teilen auf solche Erbteilungen zurückgeht, inwieweit also Terrassen erst mit der Aufteilung einst größerer Parzellen entstanden sind, kann in Zukunft nur mit siedlungsgeschichtlichen Einzelfallstudien einer Klärung nähergebracht werden. Zumindest ist aber durch die Analyse alter Flurbücher leicht zu belegen, dass durch wiederholte Erbteilung manche in der Uranlage ungegliederte Terrassenfläche der Länge nach sukzessive aufgeteilt wurde.

Nach vielen Studien zu historischen Terrassenäckern gilt heute als gesichert, dass die historischen Terrassen einst im Wesentlichen als Ackerland oder Weingärten angelegt und auch Jahrhunderte lang so genutzt wurden.

Foto 11 & 12:

Feldbearbeitung mit der Hacke in den 1950er Jahren (links) und Kartoffelernte auf ausgeruhtem Boden im Rodeland

©Sammlung Gunter Heß, Gießübel

Während die Terrassenflächen selbst beackert wurden, waren die Feinerde-Stufen wie andere Ackerraine auch meist mit Gras bewachsen. Sie wurden ein- oder zweischürig gemäht, nach der Ernte auch beweidet. Steinrangen trugen dagegen wie die üblichen Lesesteinriegel oft Gehölze, die zur Gewinnung von Brennholz im Rahmen einer niederwaldähnlichen Bewirtschaftung von Zeit zu Zeit „auf den Stock“ gesetzt wurden. *

Wie man sich den Anbau auf den terrassierten Feldern in der vorindustriellen Zeit, vor fast 200 Jahren, vorzustellen hat, welche Kulturpflanzen auf den Terrassen bevorzugt angebaut wurden, mag das folgende Zitat veranschaulichen. Deutlich wird darin u. a., dass es auf den Terrassenfeldern des Gebirges wohl keine Dreifelderwirtschaft gab, wie verbreitet sonst in Thüringen, da die starke Viehhaltung für ausreichend Dünger sorgte.

Ungeachtet der Ackerbau mit so manchen feindseligen Verhältnissen zu kämpfen hat, so findet er doch noch auf sehr bedeutenden Meereshöhen und stellenweise selbst noch nahe am höchsten Gebirgsrücken bei einer Meereshöhe von 2500 Fuß [fast 890 m, d. Verf.] statt, wiewohl freilich in sehr beschränktem Maße. Zwischen 2000 – 2500 Fuß Meereshöhe [oberhalb rd. 700 m, d. Verf.] ist der Feldbau fast bloß auf Kartoffeln, Hafer, etwas Lein und Kohlrüben beschränkt; zwischen 1800 – 2000 Fuß Meereshöhe [650-700 m, d. Verf.] baut man auch schon hie und da mehr Sommerroggen, auch wohl zuweilen Sommerwaizen, Gerste und Dinkel. Winterroggen und Waizen gedeihen nicht, theils wegen schlechter Beschaffenheit des Bodens, theils weil, wegen den strengen und lange anhaltenden Wintern, die Saat ausfriert. … Der Kleebau und der Anbau der Futtergewächse ist auf dem Th. W., bei dem Ueberflusse an Wiesen, weniger Bedürfniß … Bei dem ziemlichen Düngervorrath, den der bedeutende Viehstand liefert, können die wenigen Äcker meist nothdürftig gedüngt, und ohne Brache, Jahr aus Jahr ein, bebaut werden. Die Hauptfrucht auf dem Thüringer Walde ist die Kartoffel: fast jeder Einwohner baut seinen Bedarf auf eignem oder gepachtetem Lande. Jedes für sie passende Fleck, das hinreichendes mildes Erdreich hat, wird zur Cultur derselben benutzt, und wo der Pflug nicht gut anzuwenden ist, mit Hacke und Karst bearbeitet. … Auf vielen Äckern baut man alle Jahre nichts wie Kartoffeln und düngt dazu ein Jahr um‘s andere; anderwärts baut man 2 bis 3 Jahre hintereinander Kartoffeln und dann 1 Jahr Hafer oder Sommerroggen. Die im Thüringer Walde gebauten Kartoffeln sind vorzüglich wohlschmeckend und der gemeine Mann lebt größtenteils von diesem Gewächse. Sie werden zum Theil auch in Stücken geschnitten, die getrocknet gemahlen und mit Getraidemehl zu Brod verbacken werden. Der Lein gedeiht in dem feuchten Clima des Thüringer Waldes vorzüglich gut, nur wird der Saame nicht reif; der Flachs aber ist von vorzüglicher Qualität. Auch die Kohlrüben gedeihen noch auf den höchsten Punkten des Th. W., sie trotzen im Winter der Kälte und halten sich lange Zeit zum Gebrauch.“ *

 

Dass Kohlrüben vor der Einführung der Kartoffel deren Platz auf den Terrassen einnahmen, lässt sich aus dem folgenden Zitat schließen:

 „Fragen muss man, womit sich die Waldbewohner erhalten haben, bevor sie die Kartoffeln kannten? Bejahrte Personen versichern, dass die Kohlrüben (Unter-Kohlrabi) einigermaasen ihre Stelle vertreten hätten, welche vormals häufig gebaut und selbst roh von den Waldbewohnern gegessen worden wären. Diese Frucht, die an Nahrungsstoff sowohl, als an Dauer, in Ansehung ihrer Aufbewahrung über Winter, weit hinter der Kartoffel zurückbleibt, wird auch noch jezt hier und da gebaut und als ein nüzliches Viehfutter geschäzt“. *
Beide Textauszüge spiegeln Nutzungstraditionen wider, die Jahrhunderte lang gepflegt wurden und bis in das 19. Jh. anhielten, bis die Technisierung der Landwirtschaft, die Einführung der Handelsdünger und neuer Formen des Fruchtwechsels auch in den Dörfern der Thüringer Gebirge Eingang fand. Diese Neuerungen konnten indes nicht verhindern, dass der Ackerbau auf den terrassierten Feldern zunehmend unwirtschaftlich wurde. An seine Stelle trat im Laufe des 20 Jh. mehr und mehr die Nutzung als Grünland, d. h. als ein- oder mehrschürige Wiesen oder als Rinderweiden, die mit den kleinteiligen und bodentechnisch schwierigen Standorten der Terrassen besser zu vereinbaren waren als der mechanisierte Ackerbau. In klimatischen Gunstlagen, z. B. im Werra- und im Saaletal, ermöglichte zudem der Obstbau (Streuobst) eine Doppelnutzung auf denselben Flächen. Unter einer Baumschicht aus hochstämmigen Obstbäumen dehnten sich entweder pflegearme Mähwiesen oder Weiden aus („Streuobstwiesen“) oder Unterkulturen wie Futtergetreide, Gemüse, Kartoffeln oder Beerenobst, die noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Erhöhung der Flächenerträge auf den ackerbaulichen Grenzstandorten häufig waren. * Zu den Regionen ohne nennenswerten Obstbau gehörten die höheren Terrassenlandschaften im Thüringer Wald und im Thüringer Schiefergebirge, wo in Hausgärten und dorfnahen Bereichen nur wenige Apfel- und Pflaumenbäume vorkamen, die infolge von Spätfrösten oder kühler Witterung meist gar nicht erst reif wurden. *

Foto 13:

Folgekultur Streuobst auf historischen Ackerterrassen auf dem Sandberg in Treffurt (Wartburgkreis)

Foto: H.-H. Meyer (8/2022)

Diese Frage ist eng mit der früheren Bedeutung des Weinbaus in Thüringen verknüpft. Dass Thüringen im späten Mittelalter zu den bedeutendsten Weinbaugegenden Deutschlands zählte, ist heute nur noch wenigen bewusst. Schätzungen gehen von über 400, vielleicht sogar über 700 einstmals Weinbau treibenden Orten in Thüringen aus. *

Allerdings sind die historischen Weinlagen in ihrer Gesamtzahl heute kaum mehr erfassbar, denn viele von Ihnen sind im Laufe der Jahrhunderte der Vergessenheit anheimgefallen, weil es keine urkundlichen Erwähnungen und auch keine eindeutigen materiellen Hinterlassenschaften mehr gibt. Nur ein Bruchteil der ehemaligen Weinorte ist über historische Quellen belegbar. Auch alte Toponyme (Flurnamen), die „Wein” oder ähnliche weinbaubezogene Silben enthalten, bilden den historischen Weinbau zweifelsohne nur unvollständig ab; gleiches gilt sicher auch für die floristischen Nachweise der Weinrebe Vitis vinifera, die bisher vor allem in den intensiver erkundeten Regionen Thüringens belegt ist. Die Darstellungen von Weinbergen in historischen Karten stellen ebenfalls nur einen Bruchteil aller ehemaligen Weinlagen dar. Sie sind viel zu jung und spiegeln allenfalls den Niedergang des Weinbaus im 19. Jahrhundert wider.

Dessen bewusst, kann die Übersichtskarte nur einen sehr lückenhaften Eindruck von der maximalen Verbreitung des Weinbaus in Thüringen vermitteln. Dennoch ermöglicht sie aber eine vage Einschätzung, in welcher Thüringer Region Rebkulturen einst besonders verbreitet gewesen sind. Das bedeutet, dass sie dort wohl auch verstärkt an den Terrassenkulturen beteiligt waren. Zu beachten ist dabei, dass Weinanbau keineswegs immer Terrassenbau voraussetzt, sondern dass vielerorts auch nicht terrassierte Hänge und sogar ebene Flächen aufgerebt wurden.

Als Konsequenz dieser Überlegungen dürften vor allem in den thermisch begünstigten Hanglagen des Thüringer Beckens und der großen Flusstäler wie dem Mittleren Saale- und dem Werratal terrassierte Hänge überdurchschnittlich häufig Weinkulturen getragen haben. Nicht zwangsläufig müssen diese dann an aufwändigen Trockenmauern noch erkennbar sein * ; wenn nicht genügend Bruchsteinmaterial zur Verfügung stand oder wenn die finanziellen und physischen Mittel nicht ausreichten, war das anspruchsvolle Trockenmauerwerk keine Option.

Die Karte zeigt aber auch, dass ein beträchtlicher Teil der Terrassenflächen in Thüringen vermutlich von Anfang an und ausschließlich als Ackerland genutzt worden sein muss, weil die klimatischen Voraussetzungen für den Weinbau nicht erfüllt waren. Für die höheren Lagen des Thüringer Waldes und des Schiefergebirges war der Weinbau selbst in der klimatischen Gunstphase des Hochmittelalters nicht relevant.

Abb. 14:

Historische und aktuelle Weinbaulagen in Thüringen

Quellen: Hist. Messtischblätter 1 : 25 000 und DGM2 ©GDI-Th

No Data Found

No Data Found

Abb. 15 & 16:

Nutzung der historischen Terrassen zu Beginn des 20. Jahrhunderts [in %] (links) und Nutzung der historischen Terrassen heute [in %] (rechts)

n. HMTB des Deutschen Reiches; hrsg. v. Reichsamt f. Landesaufnahme, Berlin und n. ATKIS, ©GDI-Th

Spätestens in den 1950er und 1960er Jahren wurde der Ackerbau – wie oben schon erwähnt – als dominierende Form der Nutzung auf den Ackerterrassen immer mehr durch Grünland abgelöst. Mit der „Vergrünlandung“ veränderte sich das Landschaftsbild in den Thüringer Terrassendörfern gravierend. Der tiefgreifende Landschafts- und Nutzungswandel lässt sich besonders anhand historischer Postkarten und Luftbilder an vielen Beispielen veranschaulichen. Und er lässt sich statistisch belegen. Dies zeigt ein Vergleich der Flächennutzungen auf den Historischen Messtischblättern mit den Flächennutzungen auf der modernen digitalen Topographischen Karte (ATKIS) recht eindrucksvoll (Abb. 15 & 16).

So wurden schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts keineswegs mehr alle Terrassen mit Ackerfrüchten bestellt, wie das wahrscheinlich noch im frühen 19. Jahrhundert überwiegend der Fall war. Stattdessen hatte der Ackerlandanteil auf nur noch 66 %, also um ein gutes Drittel, abgenommen. Im gleichen Zeitraum waren die Anteile ungenutzter Flächen, also an Gehölzaufwuchs/Sukzession, sowie an neuangelegten Streuobstflächen auf zusammen 28 % angewachsen. Besonders auf abgelegenen und extremen Standorten waren viele Terrassenflächen in jener Zeit bereits brachgefallen. Auf anderen hatten der bäuerliche und der gewerbliche Obstbau Eingang gefunden. Der Grünlandanteil war zu Beginn des 20 Jh. noch sehr schwach vertreten (2 %).

Heute stellt sich das Nutzungsbild folgendermaßen dar: Ackernutzung findet mittlerweile nur noch auf rund 20 % der Terrassenflächen statt. Diese Zahl muss aber mit Vorsicht interpretiert werden, da mittlerweile auf den meisten historischen Terrassenflächen, die heute noch beackert werden, gar keine Ackerterrassen mehr existieren. Die errechnete Zahl beantwortet also nur die Frage, wie die Flächen, die vor 100 Jahren von Terrassen bedeckt waren, heute genutzt werden.

Was die gegenwärtige Hauptnutzung betrifft, so herrscht jetzt auf fast der Hälfte aller historischen Terrassen die Grünlandnutzung vor (47 %). Der Waldanteil hat mit rd. 16 % in den vergangenen 120 Jahren deutlich zugenommen. Weniger geworden ist der Anteil des Brachlandes und der Streuobstflächen (von 28 % auf 5 %) zugunsten der bebauten, versiegelten Fläche und sonstiger Nutzungen wie Wochenend-, Ferienhaus-, Kleingartenanlagen, Grünanlagen,  land- und forstwirtschaftl. Betriebsflächen etc.  

No Data Found

Abb. 17:

Heutige Landnutzungen auf den verloren gegangenen Terrassenarealen [in %]

Das vorangestellte Diagramm (Abb. 17) soll verdeutlichen, wie die Flächen, die einst terrassiert waren, dann aber nivelliert worden sind, aktuell genutzt werden. Erwartungsgemäß sind rund drei Viertel dieser ehemaligen Terrassenareale heute als intensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen ausgewiesen, für die die Beseitigung der Terrassen wohl eine rationellere Bewirtschaftung eröffnet hat (40 % Ackerland, 35 % Grünland). Weitere
4,5 % der Verlustgebiete sind heute bebaut und fast 8 % werden anderweitig intensiv genutzt („Sonstiges“), z. B. als Wochenend-, Ferienhaus-, Kleingartenanlagen, Grünanlagen und als land- und forstwirtschaftliche Betriebsgelände, Flächen also, auf denen Terrassierungen möglicherweise einer optimalen Nutzung im Wege standen. Immerhin sind heute aber auch 9 % bewaldet und 3 % mit Feldgehölzen, Streuobst und Sukzessionsflächen bestanden. Sie unterliegen also gegenwärtig einer vergleichsweise extensiven Nutzung. Hier scheint im Rückblick die Beseitigung der historischen Terrassen nicht unbedingt zielführend gewesen zu sein.

Video 2:

Terrassierter Südhang im Ochsengrund bei Erlau (Stadt Schleusingen) mit verschiedenen Sukzessionsstadien aus Wald, Adlerfarn und Halbtrockenrasen (Gesteinsuntergrund: Unterer Buntsandstein)

Drohnenvideo: A. Geier (7/2022)

Terrassenlandschaften sind wie alle menschlichen Bauwerke nicht für die Ewigkeit gemacht. Trotzdem können sie nach Aufgabe der traditionellen Nutzungen unter Wald oder Grünland durchaus noch Jahrhunderte überdauern. Sonst wäre der Zustand wahrscheinlich viel beklagenswerter als das heute der Fall ist. Noch immer werden Orts- und Landschaftsbilder in Thüringen durch Terrassen geprägt. Nicht immer aber lässt sich diese Prägung beim Durchreisen auf Anhieb erkennen. Oft hilft es aber, von Aussichtspunkten einen Überblick zu gewinnen oder Luftbilder und DGMs zu studieren. Dann zeigt sich, dass es auch heute noch sehr viel mehr terrassierte Hänge gibt als der flüchtige Beobachter wahrnimmt.

Auf den ersten Blick erscheint das Terrassenerbe also nicht akut bedroht zu sein. Die statistische Auswertung zeigt dagegen ein anderes Bild. Demnach sind seit Beginn des 20. Jh. ca. 30 % aller historischen Terrassen verloren gegangen. Regional gesehen gibt es zudem sehr große Unterschiede (Abb. 18).

Anfang 20. Jahrhundert
Heute

Abb. 18:

Verluste historischer Terrassen seit dem Beginn des 20. Jh. in Thüringen (grün: Bestand Anfang 20. Jh.; rot: Verluste bis heute)

n. HMTB 1 : 25.000 und DGM2 ©GDI-Th

Die Karte basiert auf Terrassenpolygonen, die aus den Historischen Messtischblättern digitalisiert wurden (Stand: Anfang des 20. Jh.). Anschließend wurden diese Polygone auf das aktuelle digitale Geländemodell (DGM2) projiziert und nachfolgend alle jene Polygone gelöscht, in deren Bereich heute keine Terrassenstufen mehr erkennbar sind. So ergibt sich eine Annäherung an die reale Verlustsituation.  

Wie die Karte zeigt, sind die historischen Terrassen in den Kerbtallagen der Mittelgebirge und ihrer Vorländer weitgehend erhalten geblieben. Das entspricht der Erwartung. Denn eine gezielte Beseitigung von Terrassen würde hier weder ökonomisch noch ökologisch (Bodenerosion) Sinn machen. Zudem wären die Eingriffe ins Festgestein mit einem großen technischen Aufwand verbunden gewesen wären. Deshalb waren die Überführung in Wiesen und Weiden oder die Aufforstung die bevorzugten Mittel der Wahl, ein großer Rest unterlag der Sukzession und verschwand nach und nach unter einer Decke aus Gehölzen und Hochstauden.

Flächenverluste sind demgegenüber vor allem in den Hügellandschaften geringer bis mittlerer Hangneigung festzustellen. Es handelt sich dabei durchweg um Flächen, die heute auf großen Schlägen ackerbaulich genutzt werden und wo eine Umgestaltung einfach und kostengünstig erfolgen konnte. Besonders die weichen und leicht zu nivellierenden Röt- und Lössböden sind davon betroffen. Starke Verluste zeigt die Karte zum Beispiel in den Talräumen nordöstlich von Jena, nördlich von Köstritz, im Altenburger Land, in der Orlasenke westlich von Neustadt, zwischen Saalfeld und Kamsdorf. Auch auf den Hochflächen des Thüringer Schiefergebirges sind die Terrassenareale deutlich weniger geworden. Hier sind es vor allem die ackerfähigen Böden in den tiefgründigen, lehmigen und leicht planierbaren Verwitterungsdecken, wo viele historische Terrassen seit den Meliorationen der DDR-Zeit verschwunden sind, z. B. westlich des Schwarzatals, zwischen dem Sorbitz- und dem Saaletal sowie in der Region um Hirschberg und Gefell.

In den urbanen Verdichtungsräumen gab es zudem erhebliche bauliche Überprägungen: In Suhl, Zella-Mehlis, Schmalkalden und anderen Städten wurden seit DDR-Zeiten großflächige Terrassenareale mit Neubausiedlungen, mit Garagen- und Kleingartenanlagen überzogen. Im Zuge des Baubooms der 90er Jahre setzte sich dieser Trend fort. Örtlich wurden sogar neue Terrassen angelegt, auf denen die typischen Wohnviertel der Nachwendezeit mit ihren geometrisch geplanten Anliegerstraßen und Häuserreihen samt Privatgärten Platz gefunden haben.

0 %
der Anfang des 20. Jh. vorhandenen Terrassen existieren heute noch.
0 %
der Anfang des 20. Jh. vorhandenen Terrassen sind verloren gegangen.

Foto 14:

„Pragmatische” Umnutzung historischer Terrassen durch Wohnbebauung und Garagen in Königsee

Foto: H.-H. Meyer (8/2022)

In einzelnen Teilregionen Thüringens waren Ackerterrassen Jahrhunderte hindurch geradezu landschaftsprägend und sind es zum Teil auch heute noch. In der folgenden interaktiven Übersichtskarte werden die wichtigsten dieser „Ackerterrassenlandschaften“ vorgestellt; die touristisch und fachlich interessantesten Orte dieser Landschaften können dann als Detailstudie näher betrachtet werden.

Terrassenfluren zeichnen sich durch zahlreiche Besonderheiten aus, die sie zu den besonders schutzbedürftigen Kulturlandschaftselementen zählen lassen.

Zum einen sind sie ein landschaftsprägender Bestandteil der traditionellen Kulturlandschaft. Hoch ist ihr Zeugniswert für die Agrar- und Heimatgeschichte. Terrassenfluren künden von der mühevollen Arbeit und kargen Lebensweise der Bevölkerung auf Grenzertragsstandorten. Sie dokumentieren historische Flurgliederungen und Bewirtschaftungssysteme.

Zum anderen weisen sie eine große Biotopvielfalt auf. Während Lesesteinriegel und Trockenmauern seltenen xerothermen Pflanzenarten Lebensraum bieten, stocken auf den feinerdereicheren Hochrainen häufig noch ausschlagfreudige Baumarten wie Hasel, Hainbuchen, Weiden, Espen oder Ebereschen, deren mehrstämmige oder gebüschartige Wuchsformen mit ihrer einstigen niederwaldartigen Nutzung zusammenhängen. Ergänzt wird das Spektrum durch Dornsträucher wie Rosen, Schlehen oder Weißdorn, Zeugnisse ehemaliger Beweidung, die vom Vieh nicht gefressen wurden. Sie alle enthalten Futter- und Rückzugsräume für viele bedrohte Tierarten (Säugetiere, Vögel, Reptilien, Insekten etc.).

Abb. 19:

Terrassen mit Lage in Schutzgebieten nach Kap. 4 BNatSchG

Quellen: Hist. Messtischblätter 1 : 25 000 und DGM2 ©GDI-Th

Von der hohen Schutzwürdigkeit der Thüringer Terrassenlandschaften zeugt auch der vergleichsweise hohe Anteil (64,5 %) terrassierter Flächen in Schutzgebieten (n. Kapitel 2 BNatSchG; s. Abb. 19). Dabei werden nur selten explizit die historischen (Acker)Terrassen als Ausweisungsgrund benannt. Jedoch mögen die Kleinstrukturiertheit, der Gehölzreichtum, vorhandene Mauern und Rangen sowie die nur extensive Nutzung ausschlaggebend für deren Artenvielfalt gewesen sein.

Terrassenfluren zählen örtlich und regional zu den bestandsgefährdeten Elementen der historischen Kulturlandschaft. Viele waren bereits zu DDR-Zeiten den umfangreichen Flurbereinigungen und Reliefmeliorationen zum Opfer gefallen. Nach der gesellschaftlichen und politischen Wende setzte sich dieser Trend fort, zumal sich der wirtschaftliche Zwang zur Rationalisierung noch weiter verstärkt hat und dieser wie nie zuvor mit dem Rückzug aus den Grenzertragslagen verbunden ist.

Vor diesem Hintergrund sollte dem Schutz der noch erhaltenen Terrassenfluren und ihrer fachgerechten Erhaltung und Pflege besondere Beachtung zukommen. Vor allem sind langfristige und nachhaltige Nutzungskonzepte gefragt, die ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich tragbar sind, um den spezifischen Offenlandcharakter dieser Kulturlandschaftsteile zu erhalten.

Würde man den Originalzustand bewahren, müssten die längst aufgegebenen Formen kleinbäuerlicher Bewirtschaftung wieder eingeführt werden. Das wäre in der Regel die Beackerung; auch unter Weideland bleiben sie optisch präsent und offenbar auch lange erhalten, auch wenn sich die Feinerdestufen durch Bodenerosion (Viehgangeln, Erosionsrinnen) allmählich verflachen und auflösen. Bei Auflassung unterliegen sie andererseits der Sukzession und verbuschen bzw. bewalden zusehends. Deshalb ist ihre Offenhaltung im Rahmen des Möglichen geboten, angesichts des hohen Pflegeaufwandes aber nur über den Vertragsnaturschutz oder über landwirtschaftliche Förderprogramme möglich (z.B. KULAP).

Im Einzelnen ergäbe sich folgendes Leitbild: Magere, artenreiche Rangen sollten von Gebüschsukzession freigehalten werden. Außerdem kann durch Nachlegen von Lesesteinen versucht werden, die durch Abtragung und Verflachung gefährdeten Rangen zu stabilisieren und gleichzeitig die pionierartigen Pflanzengesellschaften der Steinriegel und -haufen zu fördern.

Bestehende Hecken- oder Feldgehölzkomplexe auf den Rangen sind zu pflegen und – analog der traditionellen Brennholzgewinnung – zu einer nieder- oder mittelwaldartigen Hecke zu entwickeln. Flächen, die bereits soweit bewaldet sind, dass eine Rückführung in Offenland kaum sinnvoll erscheint, sind in ihrer Entwicklung sich selbst zu überlassen.

Foto 15:

Historische Ackerterrassen mit Wiesennutzung am Nordhang des Schäfergrundes in Erlau (Stadt Schleusingen). Gehölzsukzession auf den Rangen (Gesteinsuntergrund: Unterer Buntsandstein)

Drohnenfoto: A. Geier (7/2022)

Auf den Terrassenflächen könnten sich im Idealfall Extensiväcker mit Ackerbrachen und artenreichem Extensivgrünland (Feldgraswechselwirtschaft) abwechseln. Streuobstbestände sollten erhalten werden. Bei Neuanlagen ist darauf zu achten, ausschließlich einheimische Sorten anzupflanzen. Auf kleinen Flächen wären der Anbau von Heil-, Duft- und Gewürzpflanzen, aber auch von Dinkel und Buchweizen interessante Alternativen. Dies könnte ebenfalls vom KULAP gefördert werden.

Ebenso kann eine Beweidung erfolgen. Grundsätzlich kommt dabei nur eine extensive Beweidung mit leichtgewichtigen Tieren, vor allem mit Jungrindern, ggf. auch mit Schafen oder Ziegen in Frage.

Mit dem Holzanbau der Hecken und Feldgehölze, dem Obstbau, der Nutzung von Honig, Beeren, Kräutern, Buchweizen oder Dinkel, dem Fleisch von Schafen und der Milch von Ziegen ließe sich in ausgewählten Gebieten ein regionales Vermarktungssystem aufbauen. Dadurch sowie durch den Strukturreichtum der Fluren (bewegte, kulissenreiche Geländeformen, Extensivgrünland, Gehölzstrukturen) besitzen Ackerterrassenlandschaften auch eine touristische Attraktivität. In besonderer Weise gilt das für die ausgedehnten und gut erhaltenen Terrassenkomplexe des südwestlichen Thüringer Waldes und seines Vorlandes (Fluren Gießübel, Heubach, Schnett, Biberau, Erlau, Silbach).

Literatur

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